Die Bedeutung von Nicht-Wissen für ältere Menschen in der Wissensgesellschaft

Eine Wissensgesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass der Wert und die Bedeutung des wissenschaftlichen Wissens im Vergleich zu anderen Wissens- und Lebenssphären zunehmen. Damit hängt zusammen, dass Nicht-Wissen als problematisch erscheint. Versteht man Nicht-Wissen als Noch-Nicht-Wissen, so ist damit gleichzeitig die Aufforderung zur Überwindung des Nicht-Wissens und zur Transformation in Wissen verbunden. Mit der Wissensgesellschaft eng verbunden ist daher das Konzept des Lebenslangen Lernens. Andere Bedeutungen von Nicht-Wissen (z.B. Ungewissheit oder Risiko) verlieren an Bedeutung oder unterliegen selbst wieder der Vorstellung, sie wären (irgendwann) durch wissenschaftliches Wissen zu überwinden. Wissen ist in der Wissensgesellschaft also durchwegs mit Hoffnungen verbunden: Selbstbestimmung, Entscheidungsfreiheit, ökonomische Besserstellung, Ausgleich von Herkunftsbenachteiligungen, Steuerbarkeit etc. scheinen an Wissen gekoppelt, durch Wissensaneignung (Lernen) zu gewinnen zu sein.

Das von Land Steiermark und Sozialministerium geförderte Projekt befasst sich aus drei verschiedenen Perspektiven mit der Bedeutung und dem Stellenwert von Nicht-Wissen für ältere Menschen in der Wissensgesellschaft: Aus der Perspektive der Phänomenologischen Philosophie befassen wir uns mit der Bedeutung von Nicht-Wissen in der Lebenswelt. Welche anderen Faktoren strukturieren neben dem Wissen/Nicht-Wissen unsere alltägliche Lebenswelt – und damit unsere impliziten Vorstellungen vom Menschsein bzw. Altsein? Ist Nicht-Wissen für alternde und alte Menschen von Bedeutung? Wie werden Menschen in ihrem Alltagsleben auf ihr Nicht-Wissen aufmerksam? Ist es erlebbar? Wie gehen Menschen mit ihrem Nicht-Wissen um? Nimmt das Nicht-Wissen im subjektiven Erleben zu?
Zweitens untersuchen wir die Bedeutung von Wissen/Nicht-Wissen in einem ausgewählten speziellen Kontext: in der Medizinethik. Dort geht es in neueren Debatten wesentlich um die Arzt-Patienten-Beziehung und die Rolle der PatientInnen-Autonomie. Wir fragen danach, welche Bedeutung in diesen Beziehungen dem Wissen/Nicht-Wissen zukommt und beigemessen wird. Insbesondere anhand der besonderen Situationen von stellvertretenden Entscheidungen, wie sie häufig von pflegenden Angehörigen getroffen werden müssen, wollen wir der Bedeutung von Wissen/Nicht-Wissen auf die Spur kommen.

Die Grundlagenfragen der Aneignung und Vermittlung von Wissen, Können und Wollen im Alter beschäftigen den dritten Projektteil: die Geragogik. Hier ist geht es einerseits um eigenständige Grundlagenklärung und andererseits um die Untersuchung der Implikationen der beiden anderen Projektteile für die Theorie und Praxis der Alter(n)sbildung.
Das Projekt ist dreischichtig aufgebaut: Grundlagenforschung wird mit qualitativ-empirischer Forschung gekoppelt und in Workshops für ältere Menschen praktisch umgesetzt. Das Projekt ist dem Grundsatz partizipativer Forschung verpflichtet, bezieht ältere Menschen selbst also in die Erkenntnisgewinnung und -interpretation wesentlich mit ein.

Beginn
Ende
Finanzierung/Auftraggeber
Land Steiermark, Sozialministerium
Projektpartner

Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft (Allgemeine Pädagoigk) – Uni Graz
Institut für Philosophie (Phänomenologie) – Uni Graz
Institut für Moraltheologie (Medizinethik) – Uni Graz
Akzente – Zentrum für Gleichstellung und regionale Zusammenarbeit (Voitsberg)
Forschungsinstitut Geragogik – Witten/D

Projektleitung: Dr. Claudia Stöckl
Projektteam: Prof. Dr. Elisabeth Bubolz-Lutz, Dr. Anita Brünner, Mag. Ingrid Enge, Mag. Anna Kainradl, Mag. Karin Kicker-Frisinghelli, Dorothea Sauer M.Ed.